Vom Flüchtlingskind im norddeutschen Containerdorf aufs Siegertreppchen bei Olympia in Rio: Artem Harutyunyan hat sich in seiner zweiten Heimat an die Spitze gekämpft. 

Das Leben von Artem Harutyunyan klingt wie das Skript zu einem Hollywoodfilm. Anfang der 90er–Jahre
kam der gebürtige Armenier als Kleinkind mit seiner Familie nach Norddeutschland, lebte sechs Jahre mit Vater, Mutter und Bruder in einem Asylantenheimcontainer und hatte wie die meisten Flüchtlingskinder wenig Aussicht auf ein Leben in Glück und Wohlstand. Heute gilt der 27-Jährige als einer der besten Boxer des Landes und hat 2016 bei den Olympischen Spielen in Brasilien die Bronzemedaille geholt. Im Halbweltergewicht (unter 64 Kilo-gramm) bescherte er Deutschland die erste Boxmedaille seit zwölf Jahren.

Wie er so erfolgreich geworden ist? Sein Vater Aram, Ex-Karatetrainer beim Sowjetmilitär, hat ihm und Bruder Robert schon früh beigebracht, wie man sich durchboxt. Erst lernten die Kinder von ihm Taekwondo, dann Boxen beim TH Eilbeck. Einem Verein, für den die beiden bis heute aus Verbundenheit antreten. Hamburg ist für die Brüder zur zweiten Heimat geworden, aber sie haben trotzdem nicht vergessen, wo sie herkommen. Während der großen Flüchtlingswelle 2015 gaben Artem und Robert kostenlose Boxstunden in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Hamburg. „Das Leben eines Flüchtlings kann in der neuen Heimat auch langweilig sein. Das weiß ich noch aus eigener Erfahrung“, sagte Artem Harutyunyan in der „Sportschau“.

Mit seiner positiven Art motiviert er andere und reißt sie aus ihrer Lethargie. Er lässt sich selbst von Niederlagen nicht demotivieren. „Nur“ Bronze in Rio war für ihn keine Enttäuschung, sondern ein großer Erfolg:  „Ich bin nicht traurig, dass ich den Kampf verloren habe“, sagte er nach dem Fight mit einem tiefen Cut über dem Auge. „Ich bin glücklich, dass ich eine Medaille gewinnen konnte.“ Coach Michael Timm, früher Trainer beim Hamburger Universum-Boxstall, hat ihn zum Erfolg geführt, aber auch sein Vater feuert ihn bei jedem Kampf an. Nur seine Mutter ist nie dabei, wenn Artem Harutyunyan in den Ring steigt: Die Anspannung ist ihr zu groß. Und auch wenn sie ihren Kindern den Boxsport nie austreiben wollte, eines mussten ihre Söhne ihr versprechen: niemals bei einem Kampf gegeneinander anzutreten.

Boxen beim TH Eilbeck: www.th-eilbeck.de